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Kikis Delivery Service (Majo no Takkyubin) – Film Review

Im März ist mit der Realverfilmung des Kinderbuches Majo no Takkyubin (Kikis Delivery Service) ein Film angelaufen, der aus zweierlei Gründen interessant klingt:
Einerseits natürlich die Frage, wie die Neuverfilmung stilistisch mit dem Ghibli-Klassiker von 1989 mithalten kann, der die Messlatte ziemlich hoch oben ansetze und wohl auch Mitauslöser dafür sein dürfte, dass zwischen 1993 und 2009 noch fünf weitere Bücher erschienen.
Der zweite Grund ist, dass der Film unter der Regie von Shimizu Takeshi entstand. Als Grossmeister des modernen Horrorfilms ist er mit Werken wie der „Juon“-Reihe selbst in der westlichen Hemisphäre kein unbeschriebenes Blatt. Der Horrormeister und das Kinderbuch, was kommt dabei raus?

Die 13-jährige Kiki, Tochter einer Hexe und eines gewöhnlichen Menschen, ist an der Reihe die Hexen-Tradition ihrer Familie fortzuführen. Eben jene Tradition will es, dass sie ihre Heimat für ein Jahr verlässt um zu lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. In Begleitung ihres Katers Jiji macht sie sich auf den Weg und beschliesst, sich in einem kleinen Küstenort niederzulassen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten findet sie eine Bleibe bei der Bäckerin Osono. Kikis größte Leidenschaft und zugleich auch größtes Talent ist das Fliegen auf dem Besen, was sie sich zu Nutze macht, in dem sie einen Lieferdienst gründet, um ihren Aufenthalt zu finanzieren. Lange muss Kiki warten, bis der erste Kunde zu ihr kommt: Der flugbegeisterte Junge Tombo, der jedoch nur zum Schein ein Paket aufgibt um Kikis Fähigkeiten zu testen. Mit der Zeit gewöhnt sie sich an ihre neue Wahlheimat und auch ihr Geschäft beginnt zu laufen. Mit ihren unheimlichen Fähigkeiten macht sie sich jedoch nicht nur Freunde. Durch Vorurteile und üble Gerüche verunsichert, wenden sich die Dorfbewohner von Kiki ab, die deprimiert überlegt, ihre Ausbildung abzubrechen und ein Leben als normaler Mensch zu führen. Doch bald darauf kommt es zu einer brenzligen Situation, die nur Kiki mit ihrem Hexenbesen lösen kann…

Die Story orientiert sich an die Inhalte der ersten beiden Bücher und übernimmt zudem einige Elemente der Ghibli-Verfilmung, z.B. dass Kiki vorübergehend ihre Flugfähigkeit verliert. Die schauspielerischen Leistungen von Kiki (Koshiba Fuka mit ihrem Kinodebut) und Tombo (Hirota Ryohei) gefallen. Beiden ist jedoch deutlich anzusehen, dass sie keine 13 Jahre alt mehr sind. Ansonsten ist die Handlung ebenso wie viele der Charaktere simpel und austauschbar. Einerseits mag dies auch daran liegen, dass die Rahmenhandlung durch das Buch und der Ghibli-Verfilmung bekannt sind, andererseits hangelt sich die Story vom einen Extrem ins Andere. So ist Kiki erst unbedeutend, dann urplötzlich überall im Dorf beliebt und ebenso plötzlich wird sie kollektiv gemieden. Gleiches gilt für die Episoden mit Tombo. Sie sind gut gespielt, wirken allerdings oberflächlich, ohne an den Charme der Ghibli-Verfilmung heranzukommen.

Ein Unterschied zum Anime und eine der wenigen dunkleren und tiefgängigeren Szenen ist die Begegnung von Kiki mit der ehemals berühmten Sängerin Kara, die zurückgezogen in einem Anwesen lebt. Im Gegensatz zur Begegnung mit Ursula im Anime, bei der sich beide schnell befreunden und Ursula eine Art Mentorin für Kiki wird, ist Kara kühl und verbittert. Hier ist es Kiki, die mutmachende Worte findet und lernen muss, dass die Hexerei nicht nur ein Spaß ist, sondern auch Unfälle und Tod sich durch Magie nicht verhindern lassen.

Bei einem Blick auf die Präsentation merkt man abseits dieser kurzen dunkleren Geschichte nicht, dass hier ein Meister des Horrors am Werk war. Die Szenen, die in Kikis Heimat spielen sind dunkel, die Wohnung und Stimmung aber urgemütlich. Das beschauliche Küstendorf verbreitet eine farbenfrohe Sommerstimmung. Spielte die Ghibli-Verfilmung noch in einem fiktiven Europa, in dem der 2. Weltkrieg nicht stattfand, hält sich der Realfilm an die Romanvorlage und spielt „irgendwo im Orient, in einem Land, in dem man noch an die Existenz von Magie glaubt“. In der Praxis erwartet dem Zuschauer ein etwas verfremdetes Japan. Gedreht wurde in Shodoshima in Japan und auch die komplette Besetzung ist japanisch, wobei versucht wurde, alles etwas exotisch darzustellen, so dass das Szenenbild an einigen Stellen das Gefühl eines romantisierten europäischen Kolonialstils vermittelt. Schwer fällt es auch, einzuschätzen, in welcher Epoche der Film eigentlich spielen soll. Beim Anblick von Kikis Zimmer in der Mühle könnte man sich durchaus um fast einhundert Jahre zurückversetzt fühlen, draußen im Garten wartet aber viel buntes Plastik. Die Szenen im Dorf versprühen den Charme der 1960er Jahre, während Teile des Zoos und der Flugszenen so sehr ins 21. Jahrhundert passen, wie der JPop-Imagesong „Wake Me Up“ von Kuraki Mai.

Mit den Flugszenen sind wir dann auch schon bei den Spezialeffekten angelangt. In einem Film, in dem es um fliegende Hexenbesen geht, drängt sich natürlich unweigerlich der Vergleich mit Harry Potter auf. Actionreiche Quiddich-Spiele sucht man hier vergebens. Die Flugszenen sind nicht sonderlich spektakulär umgesetzt und man erkennt deutlich, dass hier jemand vor der grünen Wand sitzt. Andererseits wird der Zuschauer auch mit der farbenfrohen Landschaft insoweit entschädigt, dass die Greenscreen-Effekte nicht wirklich stören.
Sehr deutlich stören jedoch die Computeranimationen: Kikis feliner Begleiter Jiji ist ebenso zu 100 Prozent digital wie das Flusspferd Maruko im Zoo. Bei Jiji lässt es sich noch nachvollziehen, da reale Katzen für die Schauspielerei nur mäßiges Interesse übrig haben. Aber warum animiert man Flusspferde, die dann im Zoo in einer Aufnahme mit realen Tieren völlig deplatziert aus dem Bild stechen? Die Qualität der Animationen würde bestenfalls bei einer TV-Produktion der späten 1990er überzeugen, von den Standards einer Kinoproduktion anno 2014 ist aber man Lichtjahre entfernt.

Der Film ist nicht überragend, aber trotz seiner Länge von 108 Minuten an keiner Stelle langweilig. Wie im Flug auf dem Hexenbesen wird man mit Leichtigkeit von Szene zu Szene getragen und kann die gelungene Atmosphäre genießen, auch wenn der Tiefgang ebenso durchschnittlich ist wie die Musik: Nicht wirklich schlecht, aber auch keine zeitlos schöne Untermalung wie der Anime-Soundtrack von Hisaishi Joe. Ebenso der Imagesong „Wake me up“, der zwar nicht wirklich schlecht ist, aber auch irgendwie beliebig und austauschbar klingt und nicht mit „Rouge no Dengon“ oder „Yasashisa ni tsutsumareta nara“ vergleichbar ist.

Für Fans der Ghibli-Veriflmung und des Buches ist die Neuverfilmung empfehlenswert und auch so kann man sich den Film einmal anschauen. Potential, ein Klassiker wie der Anime zu werden, hat dieser Film jedoch nicht. Und auch dunklere Szenen, die die Handschrift eines Horrormeisters sichtbar werden lassen, sind praktisch nicht vorhanden.

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