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Fernbus statt Bahn – Teil 1: Erfahrungen mit MeinFernbus

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Kann man als eingefleischter Bahnfahrer den ICE durch einen Fernbus ersetzen? Meine letzte Fahrt in einem Fernbus in Deutschland liegt schon über 10 Jahre in der Vergangenheit und war eher ein Einmal-und-nie-wieder-Erlebnis. Mit dem Berlinlinienbus (BLB) ging es von Berlin nach Hamburg und retour. Der Preis war okay, der Service war nicht vorhanden (an der Haltestelle wollte man plötzlich sogar noch Geld für das Gepäck haben) und komfortabel wäre die Fahrt vermutlich auch nur für Magersüchtige mit einer Körpergröße von unter 1,50m gewesen. Danach folgten noch zwei Fernbusfahrten in Japan zwischen Osaka und Nagoya sowie Tokyo, die mir demonstriert haben, dass Busse nicht automatisch schlecht sein müssen.
Nun stand bei mir kurzfristig eine Fahrt an und es kam wie es kam: Die Bahn spielte gerade wieder einmal Preisroulette und ich habe zufällig von meinem Mobilfunkanbieter einen Coupon für eine Fernbusbuchung bekommen. Ideale Bedingungen also, um auszuprobieren ob sich in den zehn Jahren etwas getan hat, oder ob die Fernbusse tatsächlich so mies wie mein Image über sie sind.
Somit heißt es heute: MeinFernbus gegen ADAC Postbus gegen die Deutsche Bahn. Wer wird gewinnen?

Hamburg – Berlin mit MeinFernbus

Buchung

Von Hamburg nach Berlin sollte es mit einem Bus der Firma MeinFernbus gehen. Da fällt schon mal auf: Als Busbetreiber muss man anscheinend einen Firmennamen besitzen, der so bizarr wie möglich ist. MeinFernbus, DeinBus, IhrReisebus, UnserMittelstreckenbus, OnkelHorstSeinNachbarshundDemSeinHerrchenIhmSeinBus, und so weiter. Der Kreativität scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.
Auf der Webseite von MeinFernbus sind wichtige Hinweise wie z.B. über Gepäck und Stornierung gut ersichtlich und mit drei Klicks lassen sich Einzelfahrpläne oder auch ein Gesamtfahrplan herunterladen. Vorbildlich. Die Buchung selbst ist ebenfalls schnörkellos und in wenigen Minuten erledigt. Start- und Zielort eingeben und im nächsten Schritt dann noch die E-Mail-Adresse sowie die Kreditkarteninformationen und fertig. Das Ticket kommt als PDF-Datei und kann entweder ausgedruckt oder direkt auf einem Mobilgerät vorgezeigt werden.  Wählt man eine Fahrt auf der Buchungsseite aus, ist sie für 30 Minuten reserviert, so dass man nicht in die Lage kommt, bei der Bezahlung gesagt zu bekommen, dass der Preis nun teurer geworden ist. Der Normalpreis für die Strecke Hamburg-Berlin beträgt 25 Euro, die Aktionstarife starten ab 8 Euro. Ein Blick auf die Webseite verrät mir jedoch, dass ich heute (= Montagabend) problemlos noch Fahrkarten für 8 Euro mit nur 20 Minuten Vorausbuchungsfrist bekommen kann. Ein Spottpreis nimmt man hier die Deutsche Bahn als Vergleich.
Allerdings scheinen die Buspreise auch sehr von der Verbindung abzuhängen. Eine andere Strecke, die ich oft fahre, ist von Hamburg nach Leer. Obgleich die Strecke kürzer ist als nach Berlin, verlangt MeinFernbus hier stolze 29,50 Euro für den Normalpreis und auch die Aktionstarife starten ab 15 Euro. Sobald man zu zweit fährt, ist die Bahn in Form des Niedersachsentickets hier auf jeden Fall billiger und auch wenn man alleine fährt kann die Bahn unter Umständen günstiger sein.
Fahrkarten von MeinFernbus lassen sich unter Auflagen kostenlos umbuchen. Für Stornierungen verlangt man 15 Euro pro Buchung und Fahrgast(!), allerdings wird auf die Gebühr verzichtet, sofern man mit einem Reisegutschein vorlieb nimmt. Für weitere Anliegen ist ein Kundenservice per E-Mail oder per Sonderrufnummer (42 Cent pro Minute vom Mobiltelefon) erreichbar.

Bei der Buchung sind mir nur zwei Nachteile begegnet:
– Es wird keine Sitzplatzreservierung angeboten, was bei stark ausgelasteten Fahrten wohl dazu führen wird, dass man nicht immer nebeneinander sitzen kann, wenn man zu zweit fährt.
– Während alle Fragen zur Buchung sehr gut auf der Webseite beschrieben sind, findet sich fast kein Wort über das tatsächlich eingesetzte Wagenmaterial. Alle Äußerungen darüber sind entweder übliches Marketing-Bullshit-Bingo oder mit Adjektiven wie „überwiegend“ versehen.

Die Fahrt

Nun aber los und auf zum Busbahnhof. Dort angekommen standen auch schon einige knallgrüne Busse der Firma MeinFernbus. Nein, eigentlich nicht einmal wirklich, denn auf den Bussen selbst standen völlig andere Anbieterkennzeichnungen, in meinem Fall ein Reiseunternehmen aus Itzehoe. Während in Japan die Busunternehmen auch Busse betreiben, scheinen die meisten (oder alle?) Busunternehmen in Deutschland übertrieben gesagt bessere „Briefkastenfirmen“ zu sein, die sämtliche Leistungen nur anmieten. Ob man damit ein konstantes Sicherheits- und Qualitätsniveau halten kann, ist mir fraglich. Zumindest stecken erste Anbieter wie die Firma Deinbus bereits in einem Insolvenzverfahren.

Am Bus konnte man sein aufzugebenes Gepäck im Gepäckraum deponieren und dann beim Fahrer einchecken. Die Fahrgäste hatten dabei (ebenso wie eventuelle Bösewichte in Ausübung ihrer Diebestätigkeiten) scheinbar völlig freien Zugriff auf den Gepäckraum. Laut Fahrschein sind zwei aufzugebene Gepäckstücke und ein Handgepäckstück erlaubt. Da man in Deutschland inzwischen leider nirgendwo mehr vor Diebstahl sicher ist und ich zudem einige zerbrechliche Dinge dabei hatte, wollte ich nach Möglichkeit mein gesamtes Gepäck, bestehend aus einem halb gefüllten Rucksack und einer fast leeren Umhängetasche mit in den Bus nehmen. Die Umhängetasche hätte ich somit noch problemlos im Rucksack verstauen können, hätte man rigide auf die 1-Gepäckstück-Regel bestanden. Der Check-in war erfreulicherweise kein Problem (es wurde nur der Code auf dem Fahrschein vom freundlichen Fahrer gescannt), drinnen aber warteten schon die ersten Probleme. Die Gepäckablage im Bus wurde offenbar nur zu Dekorationszwecken installiert. Selbst ein kleiner Rucksack passt nicht wirklich hinein. Nachdem ich die Innereien meines Rucksacks auf beide Taschen verteilt hatte, passte es gerade so in die „Gepäckablage“ hinein. Die Angabe „15cm“ ist also durchaus ernst zu nehmen. Da ist es sinnvoll von MeinFernbus, nicht strikt auf ein Gepäckstück zu bestehen, sondern lieber zwei-drei kleine Stücke zuzulassen, so dass man noch eine kleine Tragetasche benutzen kann, um sein Gepäck sinnvoll zu verteilen und ggf. unter dem Vordersitz zu verstauen. In Japan habe ich übrigens nie Probleme gehabt, meine Tasche in der Gepäckablage eines Busses zu verstauen, obgleich die Busse dort kleiner und kompakter gebaut sind. So gesehen ist es schon ein schlechter Scherz von MeinFernbus, einen so riesigen Bus bereitzustellen und dann nur 15cm große Ablagen anzubieten. Abgesehen davon scheint es in den AGB aber auch keine weitere Beschränkungen zu geben. Erfreulich, denn in Japan werde ich in den AGB der verschiedenen Verkehrsunternehmen oft darauf hingewiesen, dass der Transport von Schwertern, Leichen (auch zerstückelt) und radioaktiven Materialien nicht gestattet ist.

Abgesehen von den Zeitungsablagen „Gepäckfächern“ war der Bus völlig okay und die Sauberkeit war durchschnittlich. Auf dem kleinen Klapptisch war ein Kaffeefleck, der zwar nicht wirklich störte, aber auch nicht hätte sein müssen, da ich an der Starthaltestelle eingestiegen bin. Der Sitzabstand scheint mir ein Stück enger zu sein als im 2. Klasse InterCity, ist aber nicht so einengend wie im Flugzeug. Die Sitzbreite und eine fehlende Armlehne fand ich schon eher etwas unangenehm. Auch waren die Rückenlehnen nicht sehr hoch, so dass man keine vernünftige Kopfposition finden konnte. Dafür war die Polsterung der Sitze besser als bei der Bahn. An der Decke befanden sich Steckdosen, allerdings nur eine für je zwei Plätze. Die Sitze waren in einer 2+2 Konfiguration installiert. Für drei Stunden Fahrt war aber noch alles im grünen Bereich.

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Abstand zum Vordersitz: Bei knapp unter 1,90m Größe nicht übermässig bequem, aber Platz genug ist da. Der ADAC Postbus war da schlechter. Das Foto entstand an der Starthaltestelle. Der Kaffeefleck auf dem Tisch hätte nicht sein müssen.

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So sieht es innen aus.

An Unterhaltungsmöglichkeiten gab es ein kostenfreies WLAN. Darüber konnte man auf ein Mediencenter zugreifen, welches mit 25 noch relativ aktuellen Filme bestückt war. Die Filme liefen jedoch nur in deutscher Sprache und es gab anscheinend auch keine Möglichkeit, die Sprache zu wechseln. Weiterhin gab es noch die Möglichkeit, per WLAN auf das Internet zuzugreifen. So habe ich dann bei der Abfahrt einen netten Spotify-Stream gestartet und wollte ein wenig relaxen. Sobald der Bus in der holsteinischen Pampa entschwand, war Schluss mit der Musik. Die über das Netz von Vodafone aufgebaute Internetverbindung war zu großen Teilen entweder unbrauchbar langsam oder gar nicht erst vorhanden, während ich mit meinem Mobiltelefon (3G über das Telekom-Netz) weitestgehend eine Verbindung hatte.

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Das kostenlose Mediacenter: Bevor es ans Vergnügen geht, kommt erst einmal das Geschäftliche. Nachdem der zweijährige Horst-Kevin die AGB hinreichend studiert hat, kann es auch schon losgehen.

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Die Internet-Verbindung funktionierte in Hamburg problemlos. Aber sobald die Verkehrsschilder blau werden und man sich in der Provinz befindet…

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… ist es vorbei  mit der Musik. Das Internet-Angebot wurde über eine Vodafone-Verbindung bereitgestellt.

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Das Filmangebot (25 Filme, jedoch nur in deutscher Sprache) bereitete keinen ÄRGER und funktionierte auf der ganzen Fahrt problemlos.

Der Fahrer (norddeutsch mit starker türkischer Färbung) hat sich am Anfang der Fahrt knapp vorgestellt und auch den nächsten Halt einzig und allein mit dem Wort „Alexanderplatz“ verkündet. Vor der Abfahrt gab es ein „Sicherheitsvideo“ einmal in deutscher und dann noch einmal in englischer Sprache, welches aber eigentlich nur aus dem Hinweis, dass man sich Anschnallen müsse bestand, gefolgt von einem mehrminütigen Werbegesülz über die Buslinie. Pfui.
Am Sitzplatz befand sich eine Hinweiskarte, die auf der Vorderseite eine Erklärung des Mediencenters und auf der Rückseite eine Preistafel für den Bordverkauf. Getränke und ein sehr eingeschränktes Angebot an Snacks konnten im Bus zu fairen Preisen (500ml = 1,50 Euro) gekauft werden. Sicherheitshinweise fehlten auf der Karte. Einen überragend sicheren Eindruck hatte ich leider auch nicht von der Fahrt, denn auf der Autobahn hielt der Fahrer bei mehreren Überholvorgängen nur einen sehr geringen Abstand zum vorausfahrenden LKW und in Berlin angekommen bremste er an roten Ampeln immer so abrupt, dass ich Kopfschmerzen bekam. Was die Pünktlichkeit anbelangt kann ich mich nicht beschweren. Der Bus fuhr in Hamburg mit einer Verspätung von einer Minute ab und erreichte den Halt am Alexanderplatz elf Minuten vor der angegebenen Ankunftszeit. Eine Echtzeit-Verspätungsinformation wie bei der Bahn gibt es jedoch nicht. MeinFernbus erwähnt jedoch, dass man bei gebuchter Fahrt bei Verspätungen über 30 Minuten informiert wird. Meine Fahrt fand zu einem Zeitpunkt statt, an dem kein größeres Verkehrsaufkommen zu erwarten war. Etwas komisch finde ich, dass MeinFernbus auf ihrer Webseite für alle Fahrten eine identische Fahrzeit angibt, egal ob es in Hamburg oder Berlin dichten Berufsverkehr gibt oder nicht. Aber wer weiß, vielleicht sind die Fahrzeuge ja auch mit einem Nachbrenner oder automatischer Stauüberbrückung ausgerüstet.

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Berlin, Berlin –  MeinFernbus bedient auch den Alexanderplatz. Der Bus war 11 Minuten früher als vorgesehen am Ziel.

To be continued

In Teil 2 könnt ihr erfahren, wie es mir beim ADAC Postbus ergangen ist.
In Teil 3 zerpflücke ich die Deutsche Bahn. (Beitrag folgt)
Das Fazit der Reise und die Auswertung findet ihr in Teil 4. (Beitrag folgt)

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