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Fernbus statt Bahn – Teil 2: Erfahrungen mit ADAC Postbus

ADAC Postbus Beinfreiheit

In der letzten Woche berichtete ich an dieser Stelle über meine Erfahrungen mit dem Fernbus-Anbieter MeinFernbus auf der Strecke von Hamburg nach Berlin und der Frage im Hinterkopf, ob die ebenso hochgelobten wie hochverfluchten Fernbusse eine Alternative zur Bahn sein können. Nachdem für die Hinreise MeinFernbus eingeplant war, sollte es nun für die Fahrt von Berlin nach Hamburg ein anderer Anbieter sein. Neben den Unternehmen Flixbus und BerlinLinienBus fährt auch noch der ADAC Postbus diese Strecke. Das klingt interessant. Die eine Hälfte erweckt Assoziationen an Pannenhilfe und suboptimale „Fahrzeug des Jahres“-Wahlen, während die andere Hälfte an ein Unternehmen erinnert, dass sporadisch alle paar Tage mal durch völlig überlastete und befristete Angestellte Briefe verteilen lässt. Ob man damit sicher ans Ziel kommen kann?

Berlin – Hamburg mit ADAC Postbus

Buchung

Vor dem Vergnügen steht zunächst einmal das Unangenehme. Auch der ADAC Postbus will erst einmal einen finanziellen Obolus entrichtet bekommen. Wie auch bei MeinFernbus ist die Webseite hier meine erste Anlaufstelle. Die Buchungsmaske dort ist prominent platziert und einfach zu bedienen. Start und Ziel eingeben und eine Fahrt auswählen. Die Strecke von Berlin nach Hamburg war ab 8,90 Euro zu haben, wobei man inzwischen jedoch anscheinend keine Fahrt mehr unter 12 Euro findet. Im nächsten Schritt hat man die Möglichkeit einen Wunschplatz zu reservieren, was sich der ADAC Postbus ebenso wie ein zweites aufgegebenes Gepäckstück mit einem Aufschlag von 2 Euro vergüten lässt, sofern man nicht gerade Mitglied im ADAC ist. Verzichtet man auf die Wunschplatzreservierung, bekommt man automatisch einen Platz zugewiesen. Im Grunde ganz angenehm, sollte man irgendwo auf einer langen Strecke zwischendrin einsteigen. Die Bezahlung per Kreditkarte war schnell erledigt und das Ticket in PDF-Form ausgestellt. Auch beim ADAC Postbus reicht es, den Code auf dem Ticket auf dem Mobiltelefon vorzuzeigen und vom Personal scannen zu lassen. Fahrkarten für den ADAC Postbus können auch in den Filialen der Post und des ADAC gekauft werden.
Abseits der Buchungen macht die Webseite einen etwas unaufgeräumteren Eindruck als die Seite von MeinFernbus. So bietet der Postbus ebenfalls einen Gesamtfahrplan als PDF an, Preisangaben fehlen jedoch völlig. Stattdessen gibt es auf der Webseite „Preise“ als gesonderten Menüpunkt. Diese Seite scheint aber wohl ebenso wie einige andere Bereiche der Webseite einzig und allein aus SEO-Zwecken dazu zu dienen, Google und Kollegen einen Bären aufzubinden. Als Kunde findet man dort nur „ausgewählte Strecken“ und „Preisbeispiele“, die allesamt mit „ab“ beginnen. Was kostet nun eine „Ab 12 Euro“-Fahrkarte, wenn ich sie spontan beim Busfahrer kaufen muss? 12 Euro und zwei Bananen? Man weiß es nicht. Ebenso wenig weiß man über die genaue Ausstattung der Busse, denn hier gilt ebenso: Marketing Bullshit-Bingo vor Kundeninformationen.  Was bedeutet „Komfort“? Wie großzügig ist „großzügig“? Was ist eine „Vielzahl“? Weiß man auch alles nicht. Aber der Bus hat ACC, LDW, TPMS, EBS, SPD, CDU, BND, NSA, OMFG, IDDQD und IDKFA. Das muss wichtig sein.
Ein Unterschied zu MeinFernbus ist, dass sich der ADAC Postbus jede Umbuchung oder Stornierung bezahlen lässt. Ersteres mit 5 Euro pro Fahrgast und Letzteres mit 10 Euro pro Ticket. Beides ist nur bis 12 Stunden vor Fahrtbeginn möglich. Ein Vorteil im Vergleich zu MeinFernbus ist, dass der ADAC Postbus ähnlich wie die Bahn für jede Haltestelle Echtzeitinformationen bereitstellt, so dass man Verspätungen leicht einsehen kann. Einen telefonischen Kundendienst gibt es auch. Er wird zwar „nur“ zwischen 6 und 22 Uhr angeboten, dafür handelt es sich aber um eine stinknormale Bonner Rufnummer, so dass man keine Angst haben muss für den Anruf mehr zu bezahlen als für die Fahrkarte.

Die Fahrt

Für die Rücktour geht es ab zum ZOB ins feine Charlottenburg. Dort angekommen kann man noch echtes Westberliner Ambiente der 70er und 80er erleben. Aber es gibt Sitzmöglichkeiten im Warmen und jede Abfahrt wird per Lautsprecherdurchsage angekündigt. Absolut Pünktlich kam dann auch der ADAC Postbus angerollt. Wie schon bei MeinFernbus scheint es sich auch beim ADAC Postbus um eine bessere „Briefkastenfirma“ zu handeln, denn der Bus kam weder von der Post noch vom ADAC, sondern von einer Firma aus Tostedt. Auch hier gibt es die gleiche Check-In-Prozedur wie bei MeinFernbus: Reisegepäck anmelden und dann beim Einstieg die Fahrkarte scannen lassen. Allerdings hatte der Postbus mehr Personal im Einsatz, so dass das Gepäck von Mitarbeitern verladen wurde und man einen Gepäckschein ausgestellt bekam. Ein Pluspunkt gegenüber MeinFernbus. Laut Fahrschein war ein Handgepäckstück und ein aufgegebenes Gepäckstück frei. Weder auf der Webseite noch auf dem Fahrschein standen Angaben bezüglich der Größe des Handgepäcks. Angesichts der Größe des Busses mit einer Höhe von gut 3,7 Metern sollte hier ja alles klar gehen, dachte ich, und begab mich zur Tür. Der Einstieg mit einer fast leeren Umhängetasche und halb gefülltem Rucksack war kein Problem. Aber Pustekuchen. Auch der ADAC Postbus fährt mit „Gepäckablagen“, die bestenfalls Dekoration sind. Im Ernst, welcher Kaputnik baut oder bestellt 3,7 Meter hohe Busse für gerade einmal 60 Fahrgäste und schraubt dann solche Spielzeug-Gepäckablagen übers Gestühl? Praktisch ist natürlich, dass man bereits einen reservierten Sitzplatz hat. Den muss man jedoch erst einmal finden, denn die Platznummern sind nicht auf Augenhöhe, wo man sie erwartet, sondern auf kleinen Plaketten tief unten an den Sitzen angebracht.
Im Gegensatz zu MeinFernbus konnte der Postbus mit ausreichend hohen Kopfstützen aufwarten, so dass man im Prinzip bequemer hätte sitzen können. Auch gab es eine Steckdose für jeden Sitzplatz.  Die Pluspunkte negieren sich aber ganz schnell wieder, denn durch die eigenwillige Tischkonstruktion befinden sich die Tische genau dort, wo die Knie hätten sein sollen. So kann man sich aus Geiz um 1,5cm den laut ADAC-Postbus-Marketing-Bullshit-Bingo „bestmöglichen Sitzkomfort“ und die „großzügige Beinfreiheit auch für große Fahrgäste“ im wahrsten Sinne des Wortes ins Knie schießen.

ADAC Postbus Beinfreiheit

Den Tisch ins Knie rammen: So sieht „großzüge Beinfreiheit auch für große Fahrgäste“ für den ADAC und die Post aus.  Ebenso wie die Gepäckablage eine Mischung aus Geiz und Fehlkonstruktion.

adacpostbus2

Warten auf die Abfahrt. Wie bei der BVG kann man einen tollen Ausblick genießen, während unten der Fahrer mit nur drei Fahrgästen sitzt.

Bei Fahrtbeginn stellten sich der Fahrer und sein Begleiter kurz vor und spielten ein Sicherheitsvideo ab. Das Video wurde auf Deutsch mit englischen Untertiteln abgespielt. Der Ton war gut zu hören, das Bild setzte jedoch öfter mal aus und wäre von den hinteren Sitzreihen vermutlich sowieso nicht sehr gut sichtbar gewesen. Auch auf der Karte im Gepäcknetz am Vordersitz befanden sich Sicherheitshinweise. Der Fahrer beherrschte seine Kunst und das Fahrgefühl hätte im Zug auch nicht besser sein können. Naja, zumindest bis die Zonengrenze erreicht war und der Bus plötzlich die holsteinische Huckelpiste unter den Rädern hatte.
Auch der ADAC Postbus bietet WLAN und damit eine Mediathek und einen Internetzugang an. Beworben wurden nicht nur Filme, sondern auch Musik und (Hör-)Bücher. Die Anwendung für das iPhone hakte etwas und wollte zwei mal neugestartet werden. Danach lief alles. Im Videobereich fanden sich stolze 95 Einträge (bei MeinFernbus waren es 25), wobei die Zahl auch ein wenig trügt, denn ein Teil sind einzelne Episoden von TV-Serien. Nichtsdestotrotz hat man eine nette Auswahl von Harry Potter bis hin zu antiken Folgen der Harald Schmidt Show. Sämtliche Inhalte sind allerdings nur in deutscher Sprache verfügbar. Die Musikabteilung war ebenfalls gut gefüllt. Die laut Marketing-Bullshit-Bingo angebotene „Vielzahl an elektronischen Büchern und Zeitschriften“ bestand aus fünf Büchern und einigen Ausgaben des ADAC-Kundenmagazins. Von den Büchern waren einige auch nur Leseproben.
Der Internetzugang wurde mittels LTE im Netz der Telekom realisiert und war allererste Sahne. Die erste Stunde der Fahrt über habe ich ein Spotify-Radio angeworfen. Der Stream lief sauber ohne Abbrüche durch. Während man bei MeinFernbus nicht einmal auf das E-Mail-Postfach zugreifen konnte, war es im ADAC Postbus sogar kein Problem, nebenbei Netflix laufen zu lassen, welches bis auf zwei kleine Funklöcher die komplette Fahrt über stabil lief. So muss Busfahren sein.

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Im illegalen Puff in der Scheiße zu stecken und dabei dem Tod in die Augen zu sehen? Kann man machen. Hier aber nur als Leseprobe.

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Im siebten Himmel: Mit der LTE-Internetverbindung im ADAC Postbus ist auch Netflix, hier mit dem Tatortreiniger, kein Problem.

Ein kleines Angebot an Getränken und einige wenige Snacks gab es an Bord zu kaufen. Das Angebot und die durchaus fairen Preise (500 ml für 1 bis 1,50 Euro) waren in etwa auf dem selben Niveau wie bei MeinFernbus. Gute Musik und eine prall gefüllte Liste bei Netflix liessen die Zeit dahinschmelzen und schneller als erwartet war der Bus dann auch schon in Hamburg. Laut Fahrplan sollte der ZOB um 23:45 Uhr erreicht werden, die tatsächliche Ankunft war um 23:40 Uhr, so dass ich durch einen kurzen Sprint sogar noch eine frühere Bahn bekommen habe und effektiv 20 Minuten gespart habe. Auch beim ADAC Postbus fällt auf, dass alle Fahrten mit der gleichen Fahrtzeit im Plan stehen, egal an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit sie stattfinden. Hier scheint also auch eine „Stauüberbrückung“ oder ähnliches verbaut worden zu sein, mit dem man jeglichen Berufsverkehr aus dem Weg gehen kann.
Insgesamt war die Fahrt jedoch recht angenehm und ich könnte mir theoretisch vorstellen, den ADAC Postbus noch einmal zu nutzen, wenn da nicht der völlig desolate Sitzabstand, bzw. die am falschen Ort montierten Tische, wäre. So werde ich auf den Bus wohl nur zurückgreifen, wenn er einen erheblichen Rabatt gegenüber der Bahn bietet.

To be continued

In Teil 1 könnt ihr erfahren, wie es mir bei MeinFernbus ergangen ist.
In Teil 3 zerpflücke ich die Deutsche Bahn. (Beitrag folgt)
Das Fazit der Reise und die Auswertung findet ihr in Teil 4. (Beitrag folgt)

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